Deutschland will keine Atomkraft
Spektakulärer Erfolg für die Anti-Atom-Bewegung: Etwa 150.000 Menschen gingen am letzten Aprilsamstag bundesweit auf die Straßen und zeigten eindrücklich: Deutschland will den Atomausstieg! Die durchgehend friedlichen Demonstrationen kurz vor dem 26. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl richteten sich gegen die Pläne der schwarz-gelben Bundesregierung, die Laufzeiten der Atomkraftwerke weit über den von rot-grün vereinbarten Atomkonsens hinaus zu verlängern.
Die eindrucksvollste Aktion fand dabei in Norddeutschland statt: Auf einer Strecke von 120 Kilometern vom AKW Brunsbüttel entlang der Elbe und quer durch Hamburg bis zum AKW Krümmel bildeten knapp 120.000 Demonstrantinnen und Demonstranten eine Menschenkette gegen Atomkraft. Auch die SPD war dabei: Tausende Genossinnen und Genossen reisten eigens per Bus oder Sonderzug gemeinsam mit Atomkraftgegnern aus anderen Initiativen an. Über 30 von SPD-Gliederungen eingesetzte Busse waren unterwegs, etwa aus Sachsen und Thüringen, die teils im Morgengrauen gestartet waren, um pünktlich um 14.30 Uhr zum Zusammenschluss der Kette vor Ort zu sein. "Ich finde die Vorstellung sehr bewegend, dass viele Menschen 120 Kilometer lang das gleiche machen wie ich. Wenn es klappt, haben wir etwas richtig Großes geschafft," so eine Teilnehmerin.
Zu der Aktion aufgerufen hatte ein breites Bündnis aus Umweltinitiativen, Kirchen, Gewerkschaften und weiteren Parteien. Die Initiatoren des Bündnisses haben selbst nicht mit einem so großen Erfolg gerechnet. "In der Geschichte der Deutschen Anti-Atom-Bewegung gab es so große Proteste noch nie", erklärte Jochen Stay von der Nichtregierungsorganisation "ausgestrahlt". Die neu gewonnenen Kontakte zu Grünen und Gewerkschaften wollen viele Genossen auch in Zukunft zu gemeinsamen Themen nutzen.
Um 14. 30 Uhr schloss sich die Kette. Mit dabei viel Parteiprominenz: Parteivize Olaf Scholz verstärkte in Hamburg die Kette, Generalsekretärin Andrea Nahles nahm in Geesthacht teil.
Bei strahlendem Sonnenschein reihte sich der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel auf einer Landstraße in der Nähe von Elmshorn gemeinsam mit den Grünen-Spitzenpolitikern Jürgen Trittin und Renate Künast und dem SPD-Landesvorsitzenden von Schleswig-Holstein, Ralf Stegner, in die Kette ein. "Der liebe Gott scheint Atomkraftgegner zu sein", kommentierte Gabriel, und wurde dann ernst: "FDP und CDU versuchen den Atomausstieg rückgängig zu machen. Dagegen wehren wir uns gemeinsam!“ Der von Rot-Grün ausgehandelte Atomkonsens müsse verteidigt werden. Die beiden Ex-Umweltminister sind sich einig: Auch wegen der verfehlten Energiepolitik wird die CDU am 9. Mai bei der NRW-Landtagswahl Verluste erleiden. Im Falle eines Siegs von Rot-Grün versprachen sie, im Bundesrat die Regierungspläne für Laufzeitverlängerungen zu verhindern. Gabriel: "Die Landtagswahl in NRW ist auch eine Abstimmung über den Atomausstieg."
Proteste auch in Ahaus
Auch dort waren Bürgerinnen und Bürger gegen Atomkraft auf die Straße gegangen: Über 7000 Menschen demonstrierten am Atomzwischenlager Ahaus im Münsterland. Der bunte und friedliche Protest richtete sich über die Forderungen nach einem Ende der Atomenergie hinaus auch konkret gegen die Landesregierung aus CDU und FDP. Entgegen ihrer Ankündigungen lässt diese weiterhin neue Atomtransporte nach Ahaus zu.
20.000 umzingeln Biblis
In Hessen wurde aus Protest gegen die verfehlte Atompolitik der Bundesregierung eine Menschenkette rund um das Atomkraftwerk Biblis gebildet. Insgesamt etwa 20.000 Menschen, darunter etliche Sozialdemokraten, demonstrierten für die AKW-Stilllegung. Auch SPD-Landesvorsitzender Thorsten Schäfer-Gümbel beteiligte sich: Um 15 Uhr ließ er sich gemeinsam mit der ehemaligen Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul und der rheinland-pfälzischen Umwelt- und Verbraucherschutzministerin Margit Conrad und anderen Demonstranten zum sogenannten "Die-In" – einem symbolischen Atomtod - auf die Erde fallen. "Dass so viele Menschen nach Biblis gekommen sind, ist ein starkes Zeichen gegen die Sackgassentechnologie Atomkraft und für die vertraglich vereinbarte Stilllegung des Kraftwerks Biblis", so Schäfer-Gümbel.
Aber nicht nur Großdemonstrationen fanden statt: Am Starnberger See trafen sich auf Initiative der örtlichen SPD 150 Kernkraftgegner zu einer Mini-Menschenkette, unter ihnen der SPD-Bundestagsabgeordnete Klaus Barthel. Fernab von Kernkraftwerk und Atommülllager zeigten auch sie Flagge für eine zukunftsweisende Energiepolitik ohne Atom.
Am Protesttag wurde deutlich: Quer durch (fast) alle gesellschaftlichen Milieus und aus allen Ecken Deutschland fanden sich Menschen zum Protest zusammen. Die Anti-Atombewegung hat Nachwuchs bekommen. Die Veteranen des Protests, die bereit schon vor über 20 Jahren gegen Atomkraft auf die Straße gingen, saßen bei den Abschlusskundgebungen auf den mitgebrachten Klappstühlen, während ihre Kinder und Enkel zu den Rhythmen der vielen Musikacts tanzen.
Als "Riesenerfolg" bezeichnete der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel diese bundesweiten Aktionen. Gabriel betonte in seiner Rede auf dem Elmshorner Buttermarkt die Bedeutung des breiten Bündnisses. Meinungsverschiedenheit im Detail dürfe nicht das Verbindende überlagern. Die SPD sei ein starker Bündnispartner beim Kampf für den Ausstieg aus der Atomenergie. Die Hochrisiko-Technologie habe nichts mit dem Gemeinwohl zu tun, sondern nutze ausschließlich den Interessen der vier großen Atomkonzerne. "Wer alte Pannenreaktoren länger laufen lassen will, spielt mit der Sicherheit der Menschen", so Gabriel – und riskiere, das "Job-Wunder" bei den erneuerbaren Energien zu beenden. In dieser Branche sind mit über 300.000 Menschen bereits jetzt bedeutend mehr als in der Atomindustrie beschäftigt. Gabriel: "Wir dürfen nicht zulassen, dass dieser Arbeitsmarkt der Zukunft durch eine eklatante Fehlentscheidung der Bundesregierung geschwächt wird!" Er kündigte an: "Wenn die Bundesregierung an ihrer Atompolitik nichts ändert, dann wird das heute nicht die einzige Aktion bleiben."
Materialien zum Thema
- Mit Bildern, Filmen oder Blogs hat die Kettenreaktion die Medien bestimmt. Hier finden Sie die Berichterstattung im Überblick.
- Fotos der KettenreAktion
- Fotos der KettenreAktion in Hamburg
- Fotos der AKW-Umzingelung in Biblis
- Video der SPD Schleswig-Holstein zur KettenreAktion
- Video der NRWJusos zur Anti-Atom-Demo am 24.04. in Ahaus - Solar statt nuklear!
